Stoffwindeln – im Systemdschungel der verschiedenen Möglichkeiten

Eine herkömmliche Wegwerfwindel benötigt ca. 300 Jahre, bis sie verrottet ist. Ganz zu schweigen von dem massiven Ressourcenverbrauch, den eine Windel bzw. der Windelverbrauch eines Kleinkindes verschlingt. Ca. 5000 Windeln benötigt ein Kind bis es trocken ist, was ca. 900-1200 Euro kostet. [1]

Vier bis fünf Bäume fordert eine Wickelperiode pro Baby im Schnitt, hinzu kommen ca. 5g Erdöl pro Windel für die wasserdichte Folie. Nach dem Gebrauch und der Entsorgung über die Restmülltonne werden die Windeln verbrannt, was wiederum Gifte freisetzt. [2]

Schon bevor ich schwanger wurde war mir klar, dass, sollte ich einmal Kinder haben, ich diese in Stoffwindeln wickeln werde, weil mir Nachhaltigkeit einfach wichtig ist. Zu Beginn meiner Schwangerschaft fing ich auch schnell an, mich zu diesem Thema zu informieren, nur um schnell genervt aufzugeben. Ich war schier überfordert von den unzähligen Systemen, Anbietern und Möglichkeiten, die genutzt werden können. Ständig las ich Begriffe wie Pocketwindeln, Höschenwindeln, All in Ones, Größe 1-1000 (ok, übertrieben) etc. – ich hatte einfach keine Lust mich damit auseinander zu setzen. Zwei Monate vor der Geburt meiner Tochter blieb mir dann nichts anderes übrig – so stöberte ich durch Vinted, ehem. Mamikreisel (unbezahlte Werbung) auf der Suche nach dem richtigen Anfang.

Wenn du dich auch fragst, welche Systeme es gibt, welche Vor- und Nachteile sie mit sich bringen, wie viele Windeln benötigt werden, wie oft gewechselt und gewaschen wird, …, wie handhabbar Stoffwindeln insgesamt sind – dann bist du in diesem Artikel genau richtig.

Stoffwindeln - viele verschiedene Möglichkeiten
Unsere Stoffwindeln

Eine Übersicht im Dschungel – welche Stoffwindelsysteme nutzen wir?

Eins Vorweg – es gibt unzählig viele Systeme und Varianten, immer wieder kommen neue Systeme auf den Markt – dort den Überblick zu behalten ist echt schwer. Eine detaillierte und bildliche Übersicht der verschiedenen Systeme auf dem Markt findet ihr bei Interesse auf der Seite der Windelmanufaktur (unbezahlte Werbung).

So, nun aber zur Übersicht, was wir benutzen und sich in meinen Augen bewährt hat. Auf dem Bild von linksoben nach rechtsunten dargestellt – Überhose Size 1 (0-9kg), Pocketwindel Onesize, Überhose Onesize und eine All-In-One (AIO) Onesize.

Bei den beiden Überhosen verwenden wir Einlagen, die in die Windel gelegt werden – hier könnt ihr theoretisch alles nutzen, was saugfähig ist – bei uns kommen entweder Mulltücher oder Waschlappen mit einer Windeleinlage hinein (dazu später mehr). Bei den Pocketwindeln müssen die Einlagen in die Windel gestopft werden, dafür ist ein extra „Fach“ vorgesehen. Dafür nutzen wir dann auch einfach die Windeleinlagen mit Waschlappen. Die AIOs sind wohl die einfachsten Modelle, denn hier ist die Einlage gleich in der Windel eingenäht, sodass die Windel wir eine handelsübliche Wegwerfwindel scheint. Durch Zusatzeinlagen lässt sich die saugkraft verstärken. Bei allen Windeln nutzen wir noch extra Windelvlies, welches in der Regel kompostierbar ist, in Drogerien erhältlich und die Windel vor Stuhlgang schützt. Wenn in der Windel nur Pipi ist können die Einlagen mitgewaschen und weiter genutzt werden. Beim großen Geschäft fängt das Vlies das meiste ab, das Geschäft kann in der Toilette entsorgt werden und das Vlies anschließend im Kompost landen (Achtung, nicht alle Hersteller empfehlen die Entsorgung des Vlies in der Toilette).

Diese vier Varianten reichen uns eigentlich aus. Die Überhose Size 1 nutze ich derzeit noch am meisten. Ich kann auch nur empfehlen für den Anfang keine Onesize zu nutzen, da diese doch recht groß und unpraktisch an einem Neugeborenen sind. Im Krankenhaus hatte ich aus Unsicherheit und Bequemlichkeit noch die dort verfügbaren Wegwerfwindeln genutzt – als wir dann am dritten Tag nach Hause kamen sind wir jedoch direkt auf Stoffwindeln gewechselt, also die Size 1 Überhosen, auch diese mussten wir noch auf die kleinste Größe einstellen. Bis heute (meine Kleine ist nun fast 13 Monate) können wir diese nutzen, da unser Töchterchen recht zart ist. Wenn die Size 1 in der Wäsche sind oder für die Nachtwindel nutzen wir dann die Onesize, natürlich noch mittels der Knöpfe verkleinert, das geht auch ganz gut, wobei die Size 1 einfach noch besser passen. Für unterwegs packe ich dann in der Regel die Onesize AIO oder Pocketwindel ein, da es einfacher und schneller zu transportieren ist, weil diese einfach wie eine normale Wegwerfwindel zu handhaben sind, vorausgesetzt ihr habt die Pocketwindel nicht vergessen mit einer Einlage zu befüllen.

Ohne Inhalt geht gar nichts!

Auch bei den Einlagen gibt es unzählige Möglichkeiten

Wie schon bei den verschiedenen Windelsystemen gibt es auch bei den Einlagen diverse Varianten und Hersteller. Ich kombiniere entweder einen Waschlappen mit einer Einlage oder ich nutze ein kleines Mulltuch. Mulltuch und Waschlappen sind in der Regel aus Baumwolle. Bei den Einlagen gibt es fast alles – Baumwolle, Hanf, Bambus, Mikrofaser. Ich habe diverse Materialien, da ich sie gebraucht gekauft hatte und jedes Material seine Vor- und Nachteile hat. Baumwolle und Mikrofaser saugen sehr schnell auf, wohingegen Hanf größere Mengen nicht so schnell erfassen kann, insgesamt dafür aber gut speichert. Deswegen kombiniere ich gerne einen Baumwollwaschlappen außen, der die Feuchtigkeit schnell aufsaugt und dann nach innen in die Einlage weitergibt. Mulltücher haben wie Prefolds (zu faltende Einlagen) den Vorteil, dass die Nässezonen besser abgedeckt werden können, wenn diese Tücher entsprechend wie eine Windel um das Baby gewickelt werden, also nicht einfach nur in die Windel gelegt werden. Mir ist das falten der Tücher meist zu umständlich und wir kommen auch so bisher gut zurecht.

Und wie viele Windeln und Einlagen brauche ich?

Eines Vorweg – um so mehr Windeln und Einlagen ihr habt, desto seltener müsst ihr theoretisch waschen, ganz klar. Da Urin jedoch zu Ammoniak umgewandelt wird, riechen die Windeln nach einer Weile, sodass ich nach drei Tagen, spätestens vier wenn die Windeln gut eingepackt sind, wasche.

Stand heute haben wir:
5 Überhosen Size 1
4 Überhosen Onesize (nutze ich nur nachts und im Notfall)
5 Pocketwindeln Onesize (für unterwegs)
8 AIOs Onesize (für unterwegs)

Bei uns reicht das locker aus, im Gegenteil, eigentlich sind es sogar immer noch zu viele. Da aber die Size 1 nicht mehr lange passen werden, fallen diese bald weg und die Onesize kommen zum Einsatz.

An Einlagen nutzen wir:
18 Ikeawaschlappen
8 kleine Mulltücher
10 Große Mulltücher
15 Dünne Einlagen
5 doppelte Einlagen (können wir theoretisch 10 raus machen)

Auch die Einlagen reichen bei uns locker aus. Mal nutze ich lieber Mulltücher, mal Waschlappen mit Einlage. Dadurch, dass ich über den Tag variiere, ist immer noch genug im Schrank.

Was macht ihr denn nachts?

Nachts nutzen wir eine Onesize Überhose, da hier mehr reinpasst. In diese kommen eine dicke Einlage mit einem Ikeawaschlappen, eingewickelt in ein großes Mulltuch. Ja, der Popo unserer Kleinen ist recht groß, aber es stört sie nicht und sie liegt auch nicht komisch. Auch haben wir keine Probleme mit nassen Klamotten – bis auf die ersten Lebenswochen, in denen ja meist nachts gewickelt wird, haben wir nachts noch nie eine neue Windel machen müssen, weil die alte nicht mehr dicht war. Unsere Kleine wird meist gegen 19h bettfertig gemacht und gegen 7h morgens wieder ausgepackt – unsere Windel hält also locker 12 Std und ist auch morgens nicht triefnass.

Auch an den Seiten verrutscht bisher nichts, die Beinabschlüsse halten prima zu, obwohl unsere Maus sich nachts viel bewegt und gerne auf Bauch oder Seite schläft. Insgesamt sind unsere Erfahrungen nachts super – von Freunden mit Babys in Wegwerfwindeln höre ich deutlich öfter, dass die Windel nachts nass war…

Und wie funktionieren Stoffwindeln nun im Alltag?

Fertige Windel

Super! Ich hätte nicht gedacht, dass Stoffwindeln tatsächlich so gut funktionieren. Natürlich ist der Body mal nass, natürlich kommt auch mal großes Geschäft an den Seiten raus – wenn ich aber mit Freunden spreche, schneiden die Stoffwindeln hier nicht schlechter ab als die Wegwerfvarianten. Was natürlich ein Fakt ist, dass das große Geschäft auch mal in der Windel kleben bleibt und vor der Wäsche ausgewaschen werden muss. Je nach Konsistenz und Tragedauer verrutscht das Windelvlies nämlich auch mal. Für mich ist dass aber trotzdem die bessere Alternative.

Wie schon geschrieben nutze ich unterwegs meist Pocketwindeln oder AIOs, da sie wie eine klassische Windel transportiert und genutzt werden können. Dabei habe ich dann einen Wetbag oder eine Plastiktüte, um die alten Windeln zu transportieren. Meist wechsel ich die Windel tagsüber alle 3-4 Std., außer natürlich, die Kleine ist nass oder stinkt. Aber grundsätzlich ist das ein guter Richtwert. Somit komme ich am Tag auf ca. 4 Windeln. Nachts benötige ich eine Windel.

Was ist eigentlich mit eurer Wäsche?

Als wir noch zu zweit waren, habe ich meist zwei Mal die Woche gewaschen. Seit dem wir zu dritt sind, wasche ich in der Regel drei Mal die Woche, manchmal auch vier mal. Ich bin aber auch jemand, der die Waschmaschine sehr voll macht, mein Mann schimpft immer mit mir 😉 aber bisher wird unsere Wäsche immer super sauber. Grundsätzlich wasche ich die Überhosen bei 40 Grad, da sie nicht unbedingt bei 60° gewaschen werden sollten (mache ich manchmal aber auch). Die Pocketwindeln und Onesize sind sehr herstellerabhängig, viele können bei 60° gewaschen werden, viele aber auch nur bei 40°. Ich mache das ehrlich gesagt einfach nach Gefühl und wie ich Wäsche da habe – meist mache ich einmal die Woche 60° und zweimal 40°.

Ist die Umweltbilanz wirklich besser?

Zum Wasserverbrauch kann ich euch folgendes sagen: wir haben im Jahr 2020 lediglich 2 Kubik Wasser mehr verbraucht als 2019 und das, obwohl ich das ganze Jahr 2020 zu Hause war und gefühlt zig mal am Tag auf Klo gehe. Auch mein Mann war 2020 wegen Corona deutlich mehr zu Hause und hat Wasser verbraucht. Und wir waren das Jahr 2020 zehn Monate zu dritt – mehr Kleidung, Handtücher und Windeln. Wenn ich das alles berücksichtigen finde ich 2 Kubik mehr Wasserverbrauch total in Ordnung. Auch der Stromverbrauch durch das öftere Waschen ist nicht der Rede wert. Dazu muss ich sagen, dass wir zwar einen Trockner haben, diesen aber nicht mehr benutzten und unsere Windeln also an der Luft trocknen, das schont zusätzlich die Umwelt. Auch nutze ich für die Waschmaschine Ökowaschmittel oder selbstgemachtes Kastanienwaschmittel, sodass möglichst wenig Giftstoffe in die Umwelt gelangen. Und auch durch die Waschtemperatur von 40° bzw. 60° kann ich hinsichtlich der Umweltschonung einiges bewirken. Also, mit Sinn und Verstand waschen 😉

Wenn du deine Stoffwindeln so wie wir gebraucht kaufst, schonst du nicht nur die Umwelt, sondern auch deinen Geldbeutel. Nach dem Tragen kannst du deine Stoffwindeln je nach Zustand weiterverkaufen oder verschenken, sodass die Nutzungsdauer dieser echt lange anhält und eine herkömmliche Wegwerfwindel dagegen alt aussieht. Gerade da viele Überhosen aus Polyester oder ähnlichen bestehen, damit die Feuchtigkeit nicht austritt, ist eine möglichst lange Nutzung zu bevorzugen, sodass der Verbrauch von Erdöl bei diesen dennoch niedriger ist als der von Wegwerfwindeln. Bei den Einlagen sollte zudem auf (Bio)Baumwolle geachtet werden, denn auch hierbei ist der Ressourcenverbrauch langfristig niedriger als der von Wegwerfwindeln. Einzig beim Waschen ist die Stoffwindel im Nachteil, was sie aber durch die anderen Vorteile der Inhaltsstoffe und Langlebigkeit relativiert bzw. sogar besser macht.

Und der Preis?

Neue Stoffwindeln können je nach Hersteller echt verdammt teuer sein. Ich habe schwer geschluckt, als ich mich das erste Mal informiert habe. Aber zum Glück lassen sich im Internet viele gebrauchte Windeln finden und ich finde es überhaupt nicht schlimm, diese weiter zu nutzen. Wir haben für all unsere Windeln (9 Überhosen , 13 AIO/Pocket) und für alle Einlagen (18 Tücher, 18 Waschlappen, 20 Einlagen) ca. 420 Euro gebraucht gezahlt. Dazu kommen etwa alle 3-4 Monate eine Packung Windelvlies für ca. 5 Euro. Wenn ich bedenke, dass ich seit einem Jahr so wickel und mit 6 Windeln am Tag rechne, dann wären das 2100 Windeln, was also 20cent pro Windel macht. Und da ich ja noch ein wenig Wickelzeit vor mir habe, wird die Windel mit der Zeit noch günstiger. Schaue ich im Vergleich nach dem Preis des größten Windelherstellers komme ich auch dort auf ca. 20 Cent pro Windel, was über die gesamte Wickelzeit 900-1200 Euro beträgt. Ergo schneidet die Stoffwindeln im Preis deutlich besser ab, vor allem wenn ich gebraucht kaufe und beim waschen und trocknen bewusst und sparsam agiere.

Fazit

Habt keine Angst vor den unzähligen Möglichkeiten der Systeme und Anbieter. Ich empfehle euch, nach gebrauchten Windeln zu schauen und erstmal einige wenige zu kaufen. Wenn ihr dann merkt was euch gefällt und in euren Alltag passt, könnt ihr dazu kaufen und weitere Systeme ausprobieren. Dann merkt ihr auch, wie viel ihr benötigt, damit ihr nicht zu viel Geld investiert und am Ende gar nicht so viel braucht. Vor der Geburt unserer Kleinen habe ich vier Überhosen Size 1 und einige Einlagen gekauft. Die AIOs und Pocketwindeln habe ich erst nach einigen Monaten dazu gekauft. Auch die Onesize Überhosen habe ich in den ersten Wochen nach und nach dazu gekauft. Zwischenzeitlich hatte ich auch schon wieder einige Einlagen aussortiert, weil wir diese gar nicht genutzt haben.

Welche Systeme und Varianten nutzt ihr? Habt ihr noch Tipps zum Umgang mit Stoffwindeln? Hinterlasst gerne einen Kommentar.

[1] https://www.kindererziehung.com/news-leser/wegwerfwindeln-teuer-und-umweltbelastend02173.php

[2] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/windeln-wickeln-umwelt-100.html

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